Rotes Zentrum
"Der große Tag ist gekommen. Heute geht es endlich zum Uluru (Ayers Rock), dem Wahrzeichen Australiens. Während der Fahrt halte ich Ausschau nach ihm, meine Augen scannen die Umgebung. Da ein großer Felsen, ist er es schon? Irgendwie hab ich ihn anders in Erinnerung, es ist der Tafelberg Mt. Connor. Wir halten kurz an und werden von einem Rentnerpärchen angesprochen: Braucht ihr noch Eintrittskarten für den Nationalpark? Im Handumdrehen haben wir zwei Tickets, dazu kennen wir jetzt ihre Lebensgeschichte und futtern ihnen die Kekse weg. Es geht weiter, die Landschaft verändert sich und sieht wie das typische australische Outback aus dem Bilderbuch aus. Kaum noch Bäume und Vegetation, der strahlend rote Sand kommt immer mehr zum Vorschein. Jetzt passt alles ins Bild, so hat man es sich vorgestellt und plötzlich sehen wir ihn auch in voller Pracht vor uns liegen. Imposant ragt er aus dem Nirgendwo in die Höhe, Drumherum ist alles flach. Wie ein Kleinod in der Ebene, das dort von einem Riesen abgelegt wurde. Seine rote Farbe ist magisch und seine tiefen Furchen haben einen bläulichen Schatten aus der Ferne.Noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang, es wird Zeit zur „Sunset Viewing Area“ zu fahren. Es ist der perfekte Standort zum Fotografieren. Man kennt den Blick bereits von unzähligen Fotografien, es ist aber trotzdem überwältigend wenn man vor ihm steht. Kaum in Worte zu fassen, es ist mehr als ein Stück Fels. Er ist der unangefochtene Herrscher der Umgebung und ist so anders als alles was ich bisher gesehen habe. Ein überwältigender Anblick, der die Blicke magisch anzieht. So vertraut und doch noch so voller überraschungen, die Struktur, das Lichtspiel und mit jedem Schritt verändert sich sein Aussehen. Es sieht wie ein versteinerter Überwurf aus, der in Falten liegt und Löcher hat, die blasige Struktur wird darunter sichtbar.
Wir fangen an alle 5 bis 10 Minuten ein Foto zu machen, er fängt an sich langsam mit der untergehenden Sonne zu verwandeln. Die Veränderungen passieren schleichend, beim Vergleich der Fotos sieht man die Nuancen des Farbenspiels am Besten. Das zuerst blassere Rot wird immer kräftiger bis es orange glüht, die Falten werden immer dunkler. In wenigen Minuten ist es vorbei. Die Sonne geht unter und färbt den Himmel hinter dem Uluru in einen blau-lila Farbverlauf. Man kommt mit großen Erwartungen und ich war auf eine Enttäuschung gefasst, bin aber überwältigt von den ersten Eindrücken. Wir reihen uns in die Autoschlange ein und fahren aus dem Park raus, am Resort Yulara biegen alle ab und wir fahren weiter. Durch den Tourismus ist eine Siedlung entstanden mit schicken Hotels und Restaurants. Das ist uns zu teuer und es passt nicht hierher. Wir fahren zirka 40 km bis zum versteckten Rastplatz, von der Straße aus fährt man über einen kleinen Hügel und scheint mitten im Outback zu sein.
Ganz früh im Dunkeln geht es morgens los, wir wollen uns auch das Spektakel zum Sonnenaufgang am Uluru anschauen. Es ist eisig kalt und der Wind pfeift rein, die Heizung im Auto funktioniert nicht. Beim Autokauf meinte unser Freund nur: Man braucht doch keine Heizung in Australien. Wir sind früh dran und schauen zu wie sich der Sunrise-Parkplatz langsam füllt. Es wird heller, die Farben werden immer klarer und fangen an zu leuchten, da trifft der erste Sonnenstrahl den Felsen. Kamera an, sie macht grrrr und das Objektiv fährt nur halb heraus. Nein, nicht jetzt. Bitte gib nicht den Geist auf. Ein Alptraum, hektisch schüttele, puste und wackele ich am Objektiv. Ein paar Sandkörner rieseln raus. Neuer Versuch, es hört sich schlimm an, aber das Objektiv fährt ganz heraus. Es ist noch nicht zu spät. Ein Band aus Licht arbeitet sich vom Fuß des Felsen nach oben vor und lässt ihn orange erstrahlen. Müsste es nicht eigentlich genau andersherum sein von oben nach unten? Das Fantastische ist, man kann auch die Olgas von hier aus sehen, das macht es perfekt.
Anstatt weiter zum Kings Canyon zu hetzen, gönnen wir uns einen extra Tag. So bleibt Zeit sich die Umgebung an unserem Rastplatz genauer anzusehen und eine kleine Exkursion zu machen. Es ist fantastisch sich seinen Weg durch die rote Wüste zu bahnen, frei der Nase nach. Zwischendurch schaue ich mich um, um den Rückweg später zu finden, aber es sieht alles gleich aus. Man versucht sich an markanten Stellen zu orientieren, aber die sicherste Methode ist einfach seinen eigenen Fußspuren in dem weichen Untergrund zurück zu folgen. Unterwegs entdecke ich viele interessante Pflanzen, kleine Details und Tierspuren, aber im Winter begegnet man selten welchen, da es zu kalt ist. Viele Tiere sind in einer Ruhephase oder werden nur in der Mittagssonne aktiv. Vom Hügel hat man eine fantastische Aussicht aufs flache Land und die beiden Erhebungen, Uluru und Kata Tjuta. Ich sitze einfach eine ganze Weile dort oben, genieße den Moment und lasse meine Gedanken schweifen. Die Touristen bewegen sich in einem kleinen abgesteckten Bereich, dort herrscht Trubel. Kaum ist man etwas abseits, entdeckt man das wahre Wesen der Gegend. Eine karge und auf den ersten Blick lebensfeindliche Welt, reduziert auf das Wesentliche. Der Blick reicht bis zum Horizont, ein Gefühl von Freiheit. Man wird ganz ruhig und nimmt die Feinheiten der Umgebung immer mehr wahr. ..."



